Julia Isabelle Gerber

„Authentizität ist auch im Schauspiel gefragt.“

Julia Isabelle Gerber führt als Journalistin und Moderatorin durch Panels zu Wirtschaft, Technik und Energiepolitik. Sie hakt nach, wo andere ausweichen, und bringt Inhalte dorthin, wo sie hingehören: an die Oberfläche. In einer herausfordernden Medienlage hat sie sich neu aufgestellt und die Bühne als sichtbaren Ort der Debatte gewählt. Bei The Business Stage hat sie an ihrer Präsenz gearbeitet und den Blick geschärft, was das Publikum wirklich braucht. Wir sprechen mit einer Journalistin, für die Bühne gleichbedeutend ist mit Verantwortung gegenüber dem Publikum.

www.julia-isabelle-gerber.com

Act2Biz: Als Journalistin und Moderatorin musst du nicht zwingend auf der Bühne stehen. Du könntest auch im Verborgenen bleiben, zum Beispiel Podcasts moderieren oder für eine Zeitung schreiben. Warum die Entscheidung, dich auf eine Bühne zu stellen, auf der man sich so exponiert zeigt?

Julia Isabelle Gerber: Ich liebe es, Menschen zu interviewen und ihre Standpunkte kennenzulernen. Genau darum geht es auch bei Panel-Moderationen zu wirtschaftlichen, technischen oder energiepolitischen Themen. Für mich gibt es nichts Schlimmeres als oberflächliches Geplapper. Als Journalistin ist es mir wichtig, nachzuhaken und in Diskussionsrunden echte Inhalte ans Licht zu bringen.

Gleichzeitig steckt der Journalismus in Österreich in einer Krise. Aufträge werden knapper, die Rahmenbedingungen schwieriger. Also habe ich mich „neu“ aufgestellt. Menschen schätzen es, bei Events persönlich zusammenzukommen und von einer Moderatorin statt von KI durch das Programm geführt zu werden.

A2B: Du bist es gewohnt, Geschichten anderer zu erzählen. Wenn du präsentierst, wirst du selbst zur Geschichte oder ein Teil davon. Wie fühlt sich das an?

Julia Isabelle Gerber - Portrai zum Interview
Fotocredit: Martin Jordan.

Gerber: Total ungewohnt. Plötzlich wird man vom roten Faden, der durch das Event führt, selbst zum Mittelpunkt, der Inhalte vermittelt. Das ist definitiv ein Perspektivenwechsel. Aber ein spannender, denn es macht großen Spaß, selbst über ein Thema zu sprechen, das bewegt. Gleichzeitig ist es faszinierend, die eigene Perspektive zu teilen und zu spüren, wie das beim Publikum ankommt.

A2B: Erinnerst du dich an eine Szene im Training, in der du gespürt hast: Das hier ist nicht mehr Arbeit an meiner Performance, sondern Arbeit an mir selbst?

Gerber: Die Schauspiel-Übungen bei „𝗧𝗵𝗲 𝗕𝘂𝘀𝗶𝗻𝗲𝘀𝘀 𝗦𝘁𝗮𝗴𝗲“ helfen, sich selbst besser kennenzulernen. Was aktiviert mich? Wie erzeuge ich Spannung? Wie und wann komme ich in den vollen Präsenz-Modus? Durch das Impro-Training habe ich gemerkt, was noch so in mir steckt, sobald ich mich traue, meine Komfortzone zu verlassen.

A2B: Schauspieltraining bedeutet, Kontrolle loszulassen. Für jemanden, der live moderiert oder journalistisch denkt, wirkt das wie Kontrollverlust. Wie würdest du den Unterschied beschreiben und wie hast du ihn gespürt?

Gerber: Ich bin kein Fan von Kontrolle. Natürlich mag ich es nicht, wenn jemand meinen Fragen ausweicht oder sie gar nicht beantwortet. Aber grundsätzlich glaube ich, dass es sowohl beim Moderieren als auch in der journalistischen Arbeit einen gewissen Flow braucht, damit alles rund läuft und authentisch ist. Insofern sehe ich sogar viele Parallelen. Es hilft, sich ganz auf die Situation und das Gegenüber einzulassen. Was ich dabei gelernt habe: Authentizität ist auch im Schauspiel gefragt. 

A2B: Viele unterschätzen, was alles zu einer eindrucksvollen Präsenz zählt. Was hat dich am meisten überrascht, wenn es darum geht, präsent zu sein?

Gerber: Im Praxisteil von „𝗧𝗵𝗲 𝗕𝘂𝘀𝗶𝗻𝗲𝘀𝘀 𝗦𝘁𝗮𝗴𝗲“ habe ich gemerkt, dass nicht jede Übung bei jeder Person denselben Effekt hat. Etwas, das mich total präsent macht, kann bei jemand anderem eher einschläfernd wirken. Deshalb ist es wichtig, für sich selbst die Übung zu finden, die am besten auf das eigene Präsenz-Konto einzahlt.

A2B: Welche Erkenntnis aus The Business Stage hättest du niemals erwartet und hat sie deine Art, auf der Bühne zu kommunizieren, verändert?

Gerber: Ganz klar: Abgerundetes Storytelling und ein roter Faden wirken bei Präsentationen wahre Wunder. An diesem Workshop-Tag habe ich frei präsentiert, ohne mir im Vorfeld genau zurechtzulegen, wie ich dem Publikum was sagen möchte. Frei sprechen ist einerseits großartig, andererseits profitieren Präsentationen von gezielt gesetzten Pointen, Wendepunkten und von einem aufeinander abgestimmten Anfang und Ende.

Auch ein professionelles Auftreten kann und sollte Emotionen zeigen, denn das holt das Publikum noch stärker ab. Ich habe mir also vorgenommen, künftig noch mehr Emotionalität in meine Auftritte zu packen.

A2B: Wenn du an Führungskräfte denkst, die glauben, Bühne oder Schauspiel sei eine Spielerei, was würdest du ihnen nach dieser Erfahrung antworten?

Gerber: Mir persönlich ist noch nie eine Führungskraft begegnet, die denkt, Schauspiel sei eine Spielerei. Die Personen, mit denen ich bisher zu tun hatte, hegen eine große Bewunderung für Schauspieler:innen.

Sollte mir tatsächlich einmal jemand begegnen, der so denkt, würde ich empfehlen, sich selbst auf das Abenteuer Schauspiel einzulassen. Erstens, um danach fundiert urteilen zu können. Zweitens, um zu erkennen, dass Schauspieltraining auf ganz unterschiedlichen Ebenen nützlich ist, etwa in Verhandlungssituationen, in der Mitarbeiter- und Kundenkommunikation, in Meetings und sogar beim Präsentieren des Jahresberichts.

A2B:
Gab es vor dem Training eine konkrete Angst oder Hürde, die dich ausgebremst hat, und wie gehst du heute damit um?

Gerber:
Ich hatte tatsächlich großen Respekt davor, von der Moderations- in die Speakerrolle zu schlüpfen. In meinem Kopf gab es Zweifel, ob ich überhaupt geeignet bin, als Expertin zu einem bestimmten Thema auf der Bühne zu sprechen.

Heute denke ich: Ja, ich bringe durchaus Expertise in bestimmten Bereichen mit. Ich beschäftige mich zum Beispiel seit über zehn Jahren mit der österreichischen Medienbranche. Ich kann über dieses Thema sprechen und bringe wahrscheinlich wertvolle Punkte ein, die den Horizont anderer erweitern. Niemand kommt vorbei und verleiht dir mit einem Ritterschlag den Titel „Expertin“. Das heißt aber nicht, dass du keine bist.

A2B: Was würdest du jemandem sagen, der spürt, dass er eigentlich auf eine Bühne gehört, sich aber noch nicht traut, hinaufzusteigen?

Gerber: Glaube an dich. Angst ist kein guter Begleiter, also weg damit. Das ist leichter gesagt als getan. Aber wenn wir weniger zweifeln, uns weniger fürchten und uns selbst mehr zutrauen würden, könnten wir wertvolle Erfahrungen machen, die uns sonst verborgen bleiben. Wenn du dich noch nicht ready fühlst, ist das völlig in Ordnung. Zum Glück gibt es so viele Möglichkeiten, an sich zu arbeiten: Schauspiel-, Stimm- und Sprechtraining, Präsentationstrainings, Rhetorik-Workshops und Mentoring-Programmen. All das hilft, Selbstvertrauen aufzubauen, die eigene Präsenz zu stärken, um sich Schritt für Schritt auf die Bühne zu trauen.

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